Ist eine Scheidung ohne Einhaltung des Trennungsjahrs möglich?

In der Anwaltspraxis wird uns häufig die Frage gestellt, ob es möglich ist sich scheiden zu lassen, ohne zuvor dass Trennungsjahr einhalten zu müssen. Wenn eine Ehe geschieden werden soll, dann bedarf es eines ganz bestimmten formellen Verfahrens und dem Gang zum Familiengericht. Doch bevor der Rechtsanwalt für Familienrecht den Antrag auf Scheidung der Ehe beim zuständigen Familiengericht einreichen kann, muss grundsätzlich das Trennungsjahr abgelaufen sein. Das bedeutet, dass – bis auf wenige Ausnahmen – erst dann der Scheidungsantrag beim Familiengericht eingereicht werden kann, wenn Sie und Ihr Ehegatte ein Jahr voneinander getrennt sind.

Das Trennungsjahr beginnt normalerweise ab dem Tag, ab dem ein Ehegatte die Ehewohnung in Trennungsabsicht verlässt. Die Ehegatten können aber auch innerhalb der Ehewohnung von „Tisch und Bett“ getrennt voneinander leben und haushalten, z.B. bewohnt dann ein Ehegatte das Wohnzimmer und schläft auch dort und der andere Ehegatte bezieht das Schlafzimmer. Zudem dürfen die Ehegatten auch keine gemeinsamen Freizeitveranstaltungen wahrnehmen, gemeinsam Verwandten besuchen oder gemeinsame Urlaube verbringen!

Nur ausnahmsweise muss das Trennungsjahr nicht eingehalten werden.

Dies ist immer dann der Fall, wenn ein sog. Härtegrund vorliegt. Als Härtegrund kommt etwa ein Verstoß gegen die eheliche Treue in Betracht. Dafür reicht aber nicht jeder Verstoß aus. Vielmehr müssen weitere tiefgreifende oder gar entwürdigende Umstände hinzutreten. Dies kann z.B. dann der Fall sein, wenn ein ehebrecherisches Verhalten schon vor der Trennung über Jahre bestanden hat.

Ein weiter Umstand kann es sein, wenn der ertappte Ehegatte den anderen z.B. zum Geschlechtsverkehr zu Dritt auffordert oder ein Ehepartner nach der Trennung eine Tätigkeit in der Prostitution aufnimmt. Dagegen reicht es allein nicht aus, wenn der Ehepartner beschließt, sich einer homosexuellen Partnerschaft hinzuwenden.

Weiter kann ein Härtegrund auch dann vorliegen, wenn der eine Ehepartner den anderen schwer beleidigt, grob in der Ehre verletzt oder demütigend beschimpft hat. Erst Recht ist ein Härtegrund gegeben bei Gewaltanwendung, auch gegen Kinder oder nahe Angehörige.

Die Drogensucht eines Ehepartners kann einen Härtegrund darstellen. Besonders, wenn dies mit Gewaltanwendung zusammenfällt. Auch das Verschweigen einer anstehenden Haftstrafe oder das Verlassen des Ehegatten kurz vor oder nach der Geburt eines gemeinsamen Kindes kann ein Härtegrund sein. Ein Härtegrund soll auch gegeben sein, wenn eine ehebrecherische Gattin von einem anderen Mann ein Kind erwartet. Ob nun in Ihrem ganz besonderen Fall ein Härtegrund vorliegt, der eine Scheidung auch ohne Einhaltung des Trennungsjahres ermöglicht, sollten Sie mit einem Fachanwalt für Familienrecht abklären. Denn ob ein Härtegrund vorliegt, hängt immer auch vom Einzelfall ab.

Sie sollten aber wissen, dass die Familiengerichte grundsätzlich einen strengen Maßstab anlegen, wenn es um die Annahme eines Härtegrundes geht.

Haben Sie weitere Fragen zum Thema Scheidung und Trennungsjahr?

Unsere Rechtsanwälte und Fachanwälte für Familienrecht unterstützen Sie gern und stehen Ihnen bei rechtlichen Fragen mit Rat und Tat zur Seite! Rufen Sie uns gerne an!